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Klimabeirat für separate Ziele bei Emissionen und CO₂-Entnahmen
EU-News | 27.02.2025
# sozial-ökologische Transformation #Klima und Energie

Klimabeirat für separate Ziele bei Emissionen und CO₂-Entnahmen

 Dave Hoefler
© Hoefler

Der Wissenschaftliche Beirat der EU für Klimawandel (ESABCC) hat eine umfassende Analyse zur Skalierung von CO₂-Entnahmen in der EU vorgelegt. Die zentrale Botschaft: Ohne drastische Emissionssenkungen und klare Zielvorgaben für CO₂-Entnahmen wird die EU ihre Klimaziele nicht erreichen. 

Der ESABCC legt in einem neuen Bericht Scaling up carbon dioxide removals neun detaillierte Empfehlungen vor, um die Skalierung von CO₂-Entnahmen in der EU voranzutreiben. Dabei werden sowohl technologische als auch natürliche Methoden betrachtet, mit dem Ziel, einen langfristigen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele der EU zu leisten. Im Zentrum der Vorschläge steht die klare Trennung zwischen Emissionsminderungen und CO₂-Entnahmen, um sicherzustellen, dass Unternehmen weiterhin primär ihre Emissionen reduzieren. Der Bericht betont außerdem die Notwendigkeit strenger Qualitätsstandards, die Förderung innovativer Technologien und den Ausbau von Infrastruktur zur langfristigen Speicherung von CO₂. Gleichzeitig wird auf Herausforderungen wie die Integration in den Emissionshandel und die finanzielle sowie regulatorische Absicherung neuer Maßnahmen hingewiesen.

Neun Forderungen des ESABCC

  1. Separate Zielvorgaben setzen: Um Investitionen und Innovationen zu fördern, sollen separate rechtsverbindliche Ziele für Brutto-Emissionsminderungen, temporäre CO₂-Entnahmen und permanente Entnahmen festgelegt werden.
  2. Qualität der CO₂-Entnahmen sicherstellen: Strenge Überwachungs-, Berichts- und Verifizierungssysteme (MRV) sind notwendig, um die Wirksamkeit von CO₂-Entnahmen zu garantieren und Umweltauswirkungen zu minimieren.
  3. Natürliche Kohlenstoffsenken erhalten und ausbauen: Der Rückgang natürlicher CO₂-Speicher in Böden und Wäldern muss gestoppt und umgekehrt werden. Dazu sollen Landnutzungs-Policies kohärent gestaltet und nachhaltige Biomassenutzung gefördert werden.
  4. Innovation beschleunigen: Mehr Investitionen in CO₂-Entnahmetechnologien sind erforderlich. Die EU soll verstärkt Forschungs- und Entwicklungsprojekte fördern sowie regulatorische Rahmenbedingungen schaffen, die Marktreife beschleunigen.
  5. CO₂-Infrastruktur ausbauen: Ein umfassendes Transport- und Speichersystem für CO₂ ist entscheidend, um dauerhafte Entnahmen wie Direct Air Capture and Storage (DACCS) und Bioenergy with Carbon Capture and Storage (BECCS) zu skalieren.
  6. Permanente CO₂-Entnahmen bepreisen: Die schrittweise Integration in das EU-Emissionshandelssystem (ETS) soll unter strikten Bedingungen erfolgen, um Verzerrungen zu vermeiden und hohe Qualität sicherzustellen.
  7. Temporäre CO₂-Entnahmen bepreisen: Neue Instrumente zur Bepreisung von Emissionen und temporären CO₂-Entnahmen im Landsektor sollen entwickelt werden, um Anreize für nachhaltige Landnutzung zu schaffen.
  8. Erweiterte Emittentenverantwortung einführen: Heutige Emittenten sollen zur zukünftigen Entfernung ihrer CO₂-Emissionen verpflichtet werden, um langfristig Netto-Negativ-Emissionen zu erreichen.
  9. Governance und internationale Zusammenarbeit stärken: Effektive Kontrolle und transparente Umsetzung der CO₂-Entnahmen durch bessere Governance-Strukturen und verstärkte internationale Kooperation sind notwendig.

Insbesondere die Forderung nach separaten, rechtlich bindenden Zielen für Emissionsreduktionen, temporäre und permanente Entnahmen wurde von Umweltverbänden positiv aufgenommen. Der WWF lobt die Betonung der natürlichen Kohlenstoffsenken, deren Schutz und Wiederherstellung eine zentrale Rolle für die langfristige CO₂-Bindung spielt. Er verweist auf die Notwendigkeit, Synergien mit der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) und dem Nature Restoration Law zu schaffen.

Die vorgeschlagene Integration in den ETS wird jedoch als riskant und potenziell kontraproduktiv für die europäische Klimapolitik kritisiert. Carbon Market Watch warnt: "Der ESABCC-Bericht zeigt, dass die Integration von CO₂-Entnahmen in den ETS aus klimapolitischer Sicht problematisch und extrem riskant ist. Es hat fast zwei Jahrzehnte gedauert, bis der EU-ETS einigermaßen effektiv wurde, und die betroffenen Industrien müssen ihre eigenen Emissionsreduktionen zuerst verdoppeln. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, den Markt mit CO₂-Entnahmezertifikaten zu untergraben." Der WWF weist zudem auf die Unsicherheit über die künftige Entwicklung des ETS-Preises hin und empfiehlt daher besondere Vorsicht. 

Carbon Market Watch kritisiert zudem, dass die EU bislang zu wenig in CO₂-Entnahme-Technologien investiert. Sie fordern mindestens 2,6 Milliarden Euro im nächsten EU-Finanzierungszyklus, um mit globalen Wettbewerbern, insbesondere den USA, mitzuhalten. Beide Organisationen betonen, dass Emissionsminderungen oberste Priorität haben müssen und CO₂-Entnahmen nicht als Ausgleich für vermeidbare Emissionen genutzt werden dürfen. 

Der WWF veröffentlichte kürzlich konkrete Handlungsempfehlungen zur Integration von Carbon Removal in Klimaschutzstrategien. Das Dokument zeigt naturbasierte und technologische Ansätze auf, die unter Einhaltung hoher Umwelt- und Sozialstandards umgesetzt werden können. [ks]

ESABCC - Bericht: Scaling Up Carbon Dioxide Removals: Recommendations for Navigating Opportunities and Risks in the EU

Carbon Market Watch: EU Scientific Body Calls for Separate Binding Climate Targets

WWF Europe: Policy Recommendations – Carbon Dioxide Removal

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