Die Energiewende geht nur ohne Raubbau an Ressourcen

In der derzeitigen Gas- und Energiekrise stellt sich verstärkt die Frage, wie wir künftig nachhaltig Strom und Wärme beziehen wollen. Die bislang verschleppte Energiewende rückt damit wieder stärker in den Mittelpunkt der politischen Debatten in Deutschland. Vergessen wird dabei oft: Die metallischen Rohstoffe für die Energiewende gibt es nicht zum Nulltarif. Wir brauchen eine Energie- und Ressourcenwende!
Die Energiewende könnte das Abhängigkeitsrisiko vom Import fossiler Rohstoffe aus autoritären Staaten wie Russland minimieren und den Klimawandel bremsen. Doch die dafür benötigten Metalle sind knapp und ihr Verbrauch ist mit hohen ökologischen und sozialen Kosten verbunden. Viele der metallischen Rohstoffe werden zudem bald stärker nachgefragt, als sie verfügbar gemacht werden können. Die gute Nachricht: Wenn wir die Energiewende konsequent mit einer Ressourcenwende koppeln, können wir dennoch eine resiliente und zukunftsfähige Energieversorgung schaffen. Der Zeitpunkt ist günstig.
Für Solar- oder Windkraftanlagen wird eine Vielzahl an Metallen verbaut, und zwar nicht nur spezifische Metalle wie Indium oder Seltene Erden, sondern auch Eisen, Kupfer oder Aluminium. Wasserkraftwerke benötigen zudem besonders viel Zement. Um schneller unabhängig zu werden von russischem Gas und Öl, möchte die Ampelkoalition nun die Leistung der Windenergieanlagen bis 2030 verdoppeln, auf dem Meer sogar vervierfachen. Auch Solaranlagen sollen dann im Vergleich zu heute vier Mal so viel Strom produzieren. Der Industrie scheint das nicht ungelegen zu kommen. Sie versucht, ihre Forderung nach besserem Zugang zu mehr metallischen Rohstoffen mit den neuen Bedarfen durch die Energiewende zu rechtfertigen und sich damit ein grünes Antlitz zu verleihen. Tatsächlich werden für den Ausbau der Erneuerbaren Energien sehr viele, insbesondere metallische Rohstoffe benötigt werden. Vertreter*innen der Wirtschaft verschweigen jedoch gern, dass der Metallverbrauch vor allem durch die Automobil- und Baubranche bereits seit Jahrzehnten in einem bedenklichen Maße gewachsen ist und stetig weiterwächst.
Auto- und Bausektor verschlingen am meisten Rohstoffe
Deutschland ist der fünftgrößte Verbraucher von Metallen weltweit. Um beim Beispiel Automobilindustrie zu bleiben: Mehr als ein Viertel des verwendeten Stahls geht in den Verkehrssektor, ebenso wie knapp 10 Prozent des Kupfers und etwa 50 Prozent des Aluminiums – ganz gleich, ob es sich um einen Verbrenner oder E-Auto handelt. Denn in jedem Auto stecken für Karosserie, Gehäuse, Motor, Abgassysteme und Bordelektronik mehrere Hundert Kilogramm Aluminium und Stahl sowie eine Vielzahl weiterer Rohstoffe wie Kupfer, Blei, Platin und Palladium. Allein der Einsatz von Aluminium für die Karosserie hat sich in den letzten 20 Jahren verzehnfacht.
Auch der Verbrauch von Lithium für Batterien – wichtig für die Energiewende – ist zwischen 2011 und 2021 von 23 Prozent auf 70 Prozent gestiegen. Es ist jedoch nicht die Energiewende, die den Metallverbrauch entscheidend in die Höhe treibt, wie eine Studie des Öko-Instituts von 2021 verdeutlicht. Auch wenn der Ausbau von Windkraft, Fotovoltaik und E-Mobilität nicht rohstoffneutral ist, fallen die Rohstoffanteile für die Energiewende im Vergleich zu den enormen Verbräuchen des Bau- und Automobilsektors relativ niedrig aus. Die Aussage, die Energiewende sei der Haupttreiber für den gigantisch hohen Ressourcenverbrauch widerspricht also nicht nur den Tatsachen, sondern ist auch gefährlich. Sie lenkt nämlich davon ab, dass es einen fundamentalen Richtungswechsel in der Ressourcenpolitik geben muss – hin zu einer absoluten Reduktion des Ressourcenverbrauchs.
Fataler Trend
Allerdings deuten Prognosen für den künftigen Metallverbrauch genau in die andere Richtung. Seit dem Jahr 2000 hat sich die globale Metallproduktion fast verdreifacht. Und bis 2060 könnte sich der Metallbedarf gegenüber 2011 ein weiteres Mal verdreifachen. Das hat drastische Folgen: Schon heute sind mit der Gewinnung und Verarbeitung von Ressourcen über 90 Prozent des Verlustes der Artenvielfalt und der global zunehmenden Wasserknappheit sowie etwa die Hälfte der Treibhausgasemissionen verbunden. Der enorme Energieverbrauch des Bergbaus sorgt zudem dafür, dass der Metallsektor auch die Klimakrise weiter befeuert. Daneben verschärfen sich soziale und menschenrechtliche Konflikte entlang von Rohstofflieferketten, vor allem im Globalen Süden. Verteilungskämpfe um die knappen Rohstoffe, globale Ungleichheiten und Lieferengpässe werden außerdem noch deutlich zunehmen.

Deutschland wird hier das Nachsehen haben, denn wir sind zu fast 100 Prozent vom Metallimport abhängig – direkt oder indirekt aus Ländern wie Brasilien, Südafrika, Guinea, Peru, Indonesien, Russland oder Burma. Daran wird auch der geplante Lithiumabbau im deutschen Zinnwald oder am Oberrheingraben nicht viel ändern. Wenn wir weiterhin in der maßlosen Weise produzieren und konsumieren, wie wir es jetzt tun, werden die Rohstoffquellen dem Bedarf an Metallen bald nicht mehr genügen. Schon jetzt ist die Nachfrage nach Metallen so stark, dass in immer schwerer zugänglichen und fragilen Gebieten – wie künftig vielleicht in der Tiefsee – gegraben wird. Ein Umsteuern wird bald unvermeidbar.
Paradoxerweise bietet Putins Angriffskrieg in der Ukraine eine historische Chance für ein solches Umsteuern, für eine Wende in der Ressourcenpolitik. Was nämlich jahrelang undenkbar schien, ist auf einmal möglich: die beträchtlichen Einsparpotenziale zu nutzen. Nie zuvor waren das gesellschaftliche Bewusstsein und der Druck auf die Industrie, sparsam mit Energie umzugehen so hoch wie jetzt. Hinzu kommt, dass wir mittlerweile auch in Europa und Deutschland die Konsequenzen der Ausbeutung der Natur spüren. Wiederholt gab es in diesem Sommer Hitzerekorde, vermehrten Wasserstress, Dürre und damit verbunden massive Ernteausfälle. Das mehrt die Einsicht, dass ein „Weiter so“ nicht mehr lange funktionieren wird. Gleichzeitig müssen wir uns auf die wirtschaftliche Rezession, steigende Inflation und wachsende Armut im Land einstellen.
Sozial gerechte Umverteilung und verbindliche Ressourcenschutzziele
Der Moment sollte genutzt werden, um eine auf Suffizienz und Gemeinwohl ausgerichtete Produktions- und Wirtschaftsweise zu etablieren. Dies muss mit einer solidarischen Verteilung der steigenden Energiekosten und einem Ausbau der Energiewende Hand in Hand gehen. Es geht darum, mit einer systematischen und absoluten Reduktion des primären Ressourcenverbrauchs in Deutschland innerhalb der planetaren Grenzen zu bleiben und damit unsere Lebensgrundlagen zu sichern und die Erfüllung wesentlicher Grundbedürfnisse mit Lebensqualität für alle zu vereinen. Die Ampelkoalition hat eine wichtige Weiche hierfür bereits im Koalitionsvertrag gestellt und als Regierungsziel verankert, den Verbrauch von Primärrohstoffen zu reduzieren und Stoffkreisläufe zu schließen. Nun braucht es verbindliche Ressourcenschutzziele und entsprechende Reduktionsquoten für sämtliche Wirtschaftssektoren, allen voran die Bau- und Automobilbranche. Um metallische Rohstoffe und andere Ressourcen wirksam einzusparen, sollte beispielsweise in einen effizienten, kostenfreien oder -günstigen Nach- und Fernverkehr investiert werden und nur noch sehr wenige private, kleine und leichte Autos im Umlauf sein. Gleichzeitig müsste auf ein echtes Kreislaufwirtschaftssystem umgestellt werden, in das kaum noch Primärrohstoffe einfließen. Auch die Energiewende müsste massiv vorangetrieben werden – allerdings ohne die Energieverbrauchsmaßstäbe wie auf dem Wirtschaftswachstumspfad vor der Krise. Dass wir umlenken müssen, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Je länger wir mit der Ressourcenwende warten, desto höher werden die ökologischen wie sozialen Kosten sein. Jetzt besteht die Chance, aus der Not eine Tugend zu machen.
Die Autorin
Die Politikwissenschaftlerin Josephine Koch arbeitet als Referentin für Rohstoff- und Ressourcenpolitik beim Forum Umwelt und Entwicklung.