Energiesparen für das tägliche Brot

Knapp 56 Kilo Brot verbraucht ein Haushalt in Deutschland jährlich. Nahezu 10.000 Bäckermeisterbetriebe erwirtschafteten vergangenes Jahr einen Umsatz von mehr als 16 Milliarden Euro. Damit zählt das Bäckerhandwerk zu den wichtigsten Wirtschaftsfaktoren in Deutschland. Einen Betrieb energieeffizient zu führen, ist eine Herausforderung, die dennoch gelingen kann.
Zwar haben die Bäcker nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks Corona „mit einem blauen Auge überstanden“. Durch die Energiekrise sind viele Bäckereien aber von einer Insolvenz bedroht. 2022 haben die in der Handwerksrolle eingetragenen Betriebe um 358 abgenommen, ein Rückgang von 3,6 Prozent. Um weitere Betriebsaufgaben zu verhindern, fordert die Bäckerbranche eine mittelstandsfreundliche Wirtschaftspolitik von der Ampelregierung. „Dazu gehören der Abbau der Bürokratie, bezahlbare Energiepreise, eine Eindämmung der Inflation, ein wirtschaftsfreundliches Steuersystem sowie die Nachwuchs- und Fachkräftesicherung“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Friedemann Berg.
Ende 2022 legte das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz den Aktionsplan „Mittelstand, Klimaschutz und Transformation“ vor. Damit sollen die die Rahmenbedingungen für den Mittelstand – der für über 95 Prozent der Unternehmen in Deutschland steht – hin zu mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz verbessert werden. Der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW) lobte die Initiative der Regierung, sieht aber im Aktionsplan noch Luft nach oben. Es fehle an gezielten Förderungsmaßnahmen für KMU und klaren ordnungspolitischen Rahmenbedingungen, die entsprechende Anreize zur Transformation setzen.
Der Nachhaltigkeit verpflichtet
Einer, der es gut durch Krisen geschafft hat, ist Ihr Bäcker Schüren aus Nordrhein-Westfalen, Mitglied im BNW. „Wir gehören zu einer der energieintensivsten Handwerksbranchen. Zudem stellen wir eines der wichtigsten Nahrungsmittel der Welt her“, sagt Inhaber Roland Schüren. Der 1905 gegründete Familienbetrieb wirtschaftet in vierter Generation umsichtig. „Hätten die Vorfahren nicht mindestens den Erhalt des Betriebes auch in Notzeiten gemeistert, wäre das Unternehmen längst Geschichte“, ist sich Schüren sicher. Bereits 1979 entstand auf Initiative von Schürens Mutter Christel ein Vollwert-Backprogramm. Zunächst stand der Gesundheitsaspekt im Vordergrund, die Bio-Zertifizierung wurde später umgesetzt.

In traditioneller Backkultur mit natürlichen Rohstoffen hergestellte Backwaren – ohne industrielle Fertigmischungen, Beschleuniger und Tiefkühlprodukte – überzeugen die Kund*innen. Über das Brötchenbacken hinaus können Mitarbeiter*innen von Ihr Bäcker Schüren in Zusammenarbeit mit der Sustainable Food Academy aus Berlin eine Fortbildung zum Nachhaltigkeitsbotschafter absolvieren. In Zeiten von Klimawandel, industrieller Landwirtschaft und Lebensmittelverschwendung möchte der Handwerksbäcker die Kolleg*innen fit für die Zukunft machen. Die Fortbildung umfasst unter anderem den Weg der Wertschöpfungskette von Backwaren, aber auch viele praktische Elemente. So sahen die Teilnehmer*innen ihren Landwirt*innen bei der Hühnerzucht oder dem Bestellen der Äcker über die Schulter und durften frisch gemahlenes Mehl in der Bio-Mühle zwischen den Fingern reiben und fühlen.
Halb so viel Energiebedarf in der Backstube
Nachhaltigkeit wird aber nicht nur bei der Verwendung von Zutaten für das Gebäck großgeschrieben. Backen braucht viel Energie. Deshalb verfolgt Schüren das Ziel, das gesamte Unternehmen aus eigener Kraft CO2-neutral zu betreiben. Er stellte seine Produktion so um, dass mit der Wärme der Backöfen Spülmaschinen und Heizungen in Gang gebracht und Warmwasser erzeugt werden. Nach der Umstellung konnte der CO2-Ausstoß um 91 Prozent verringert und mehr als 50 Prozent Energie eingespart werden. Die Backöfen werden komplett mit Holzpellets betrieben. Für die Kühlräume der Bäckerei, die den meisten Strom verbrauchen, werden wasser- statt luftgekühlte Kompressoren eingesetzt. Das Wasser wird über Erdwärmetauscher-Rohre rückgekühlt. Im Sommer geschieht das über Sonden, die 99 Meter in die Tiefe ragen und die Erdkühle nutzen. Über die Wärmerückgewinnung wird der gesamte Heiz- und Warmwasserbedarf der Backstube, der Verwaltung und des Verkaufsladens gedeckt.
Zukunftsweisender Mix aus Solarstrom, E-Mobilität und klimaneutraler Gebäudeenergie
Mit diesem Energiekonzept war die Grundlage für weitere Investitionen in Nachhaltigkeit geschaffen: in die Erzeugung von Solarstrom und dessen Speicherung und in Elektromobilität. So kommt der Strom bei Ihr Bäcker Schüren zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen, davon zum großen Teil aus eigenen Fotovoltaikanlagen auf den Dächern von Backstube, Verwaltungsgebäude und Carport.
Ein Wunschtraum Schürens ist es, vom späten Vormittag bis zum Abend selbstproduzierten Sonnenstrom jeweils für die Bäckerfrühschicht der nächsten Nacht zwischenspeichern zu können. Neben stationären Batteriespeichern ermöglichen dies auch mobile Speicher zum bidirektionalen Laden in Elektro-Lieferwagen. Das heißt, die E-Autos dienen als Energiespeicher und der gespeicherte Strom kann bei Bedarf problemlos wieder in das Hausstromnetz eingespeist werden. Noch ist das Zukunftsmusik und so lange bietet die Bäckerei überschüssigen, selbst erzeugten Solarstrom günstig allen Kunden an, die mit dem E-Auto kommen.
Der Fuhrpark der Bäckerei fährt mit Ausnahme von einigen Erdgas-Fahrzeugen elektrisch. Alle E-Mobile werden mit Strom aus erneuerbaren Quellen geladen, und zwar überwiegend aus der eigenen Fotovoltaik-Anlage. Auch bei der Gebäudeenergie ist die Bäckerei vorbildlich: 1994 wurde das Backstubenhaus zu einem gewerblichen Plusenergiegebäude erweitert. Das Gebäude erzeugt mehr Energie als es verbraucht.
Damit Ihr Bäcker Schüren angesichts von Energiekrise und Inflation in Zukunft nicht gezwungen wird, kleinere Brötchen zu backen, und die sozial-ökologische Transformation weiterverfolgt, muss die Politik solche mittelständischen Betriebe in Sachen Nachhaltigkeit weiterhin und noch besser unterstützen.
Ihr Bäcker Schüren
Ihr Bäcker Schüren ist Mitglied im BNW.
Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft
Der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW) ist die politische Stimme der nachhaltigen Wirtschaft und setzt sich seit 1992 als unabhängiger Unternehmensverband für den Umwelt- und Klimaschutz sowie soziale Nachhaltigkeit ein. Mit seinen mehr als 650 Mitgliedsunternehmen steht der BNW inzwischen für mehr als 150.000 Arbeitsplätze.
Die Autorin
Marion Busch ist freie Journalistin in Berlin. Sie studierte Germanistik und Politikwissenschaft und arbeitet seit vielen Jahren als Redakteurin und Lektorin für Medien, Hochschulen, Verbände, Verlage und Unternehmen.