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News | 04.04.2023
#Klima und Energie #Politik und Gesellschaft

Davids Sieg

Atomstrom aus - Erneuerbare an!
© Christian Mang/.ausgestrahlt
Atomstrom aus - Erneuerbare an!

Der Sonntagmorgen Mitte April wird sich anfühlen wie jeder andere auch. Und doch wird es der erste sein, seit fast 62 Jahren, in dem keine Kilowattstunde Atomstrom aus einem deutschen AKW mehr fließt. Kurz vor Mitternacht am 15. April werden die letzten drei von einst 36 Reaktoren endgültig vom Netz gehen. Das Risiko für einen schweren Atomunfall in Deutschland wird damit drastisch sinken.

Zugleich markiert der 15. April einen historischen Erfolg. Eine Bürger*innenbewegung hat in rund 50-jähriger Auseinandersetzung das Ende der Atomkraftnutzung in Deutschland errungen. Ihr entgegen stand eine der mächtigsten Branchen der Republik mit milliardenschweren Großkonzernen und anfangs sogar die gesamte politische Parteienlandschaft. David gegen Goliath, sozusagen. Und David hat gewonnen.

Am eindrücklichsten zeigte sich das 2011 nach dem Super-GAU von Fukushima, als der Bundestag unter dem Eindruck der Proteste Hunderttausender mit einer breiten Fünf-Parteien-Mehrheit – einschließlich CDU, CSU und FDP! – die noch kurz zuvor beschlossene jahrelange Laufzeitverlängerung der AKWs wieder zurücknahm und das Abschalten aller Reaktoren bis Ende 2022 festschrieb.

Gemessen an der jahrzehntelangen Auseinandersetzung mag die dreieinhalbmonatige Laufzeitverlängerung der letzten drei AKWs, durchgesetzt vergangenen Herbst per Kanzlermachtwort als Reaktion auf die Energiekrise, vernachlässigbar erscheinen. Und doch hat sie die Feierlaune ein wenig eingetrübt.

Nebelkerze Netzinstabilität

Selbst Grünen-Spitzenpolitiker*innen schien es im Herbst 2022 opportun, mit Warnungen vor angeblich drohenden Stromengpässen und ominösen „Netzinstabilitäten“ breite Verunsicherung zu säen und so einen „Streckbetrieb“ der AKWs zu rechtfertigen. Dass der dafür als Begründung angeführte Stresstest 2.0 diesen Schluss gar nicht hergab und noch dazu auf unrichtigen Grundlagen fußte, war zweitrangig.

Tatsächlich waren die AKWs auch im vergangenen Energiekrisen-Winter für die Stromversorgung komplett überflüssig, wie selbst der Chef der Bundesnetzagentur einräumt. Wäre die Entscheidung zum Streckbetrieb erst im Dezember und tatsächlich auf Basis der Stresstest-Ergebnisse gefallen, wäre kein Reaktor über den 31. Dezember hinaus am Netz geblieben.

Insbesondere die von der Politik angeführte, angeblich drohende „Netzinstabilität“ war und ist eine Nebelkerze. Gemeint sind Starkwind-Situationen, in denen nicht zu wenig, sondern besonders viel und noch dazu sehr billiger Strom im Angebot ist – und deshalb viel mehr (Wind )Strom ins Ausland verkauft wird, als die Leitungen dorthin transportieren können. Die Netzbetreiber regeln dann Windkraftanlagen etwa in Norddeutschland ab und fordern konventionelle Kraftwerke etwa im südlichen Ausland an, den dorthin verkauften, aber nicht dorthin lieferbaren Strom ersatzweise direkt vor Ort zu erzeugen. Dieser fiktive Stromexport ist energiewirtschaftlicher und ökonomischer Unsinn zu Lasten der Stromverbraucher*innen in Deutschland, die mit ihren Netzgebühren die Kosten dafür tragen müssen. Die Stromversorgung aber ist deswegen weder im Inland noch im Ausland in Gefahr.

Armin Simon
Für Energiewende und Klimaschutz ist das Aus der letzten AKWs in Deutschland ein überfälliger Schritt und gutes Signal. Denn der Atomausstieg wird den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas nicht bremsen, sondern beschleunigen.
Armin Simon/.ausgestrahlt
Redakteur und Campaigner

Was den kommenden Winter 2023/24 angeht, den manche schon als den herausforderndsten bezeichnet haben, geben inzwischen selbst die Übertragungsnetzbetreiber Entwarnung. Auch ihnen zufolge ist die Stromversorgung in Deutschland gesichert – und das, obwohl sie in ihren Modellrechnungen von einem steigenden Stromverbrauch und deutlich höheren Stromexporten ausgegangen sind. Zunehmen wird den Prognosen zufolge insbesondere der Stromverkauf nach Frankreich: Die Netzbetreiber rechnen weiterhin mit massiven Ausfällen der dortigen Atomkraftwerke.

Für Energiewende und Klimaschutz ist das Aus der letzten AKWs in Deutschland ein überfälliger Schritt und ein gutes Signal. Denn der Atomausstieg wird den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas nicht bremsen, sondern beschleunigen. Vergleicht man die Stromerzeugung des Jahres 2022 mit der des Jahres 2000, in dem die damalige rot-grüne Regierung den sogenannten Atomkonsens ausgehandelt hat, ist der positive Effekt unübersehbar: Das große Plus an erneuerbarem Strom (+ 216 Milliarden Kilowattstunden/Mrd. kWh) hat den Wegfall des Atomstroms (− 134 Mrd. kWh) längst überkompensiert – mit der Folge, dass auch die fossile Stromerzeugung (− 82 Mrd. kWh) bereits deutlich zurückgegangen ist. Nicht auszudenken, wo wir heute schon stünden, wenn die unionsgeführten Bundesregierungen in den Jahren nach 2011 nicht alles daran gesetzt hätten, den Boom der Erneuerbaren zu brechen und zu deckeln.

Reaktoren sind riskant und unflexibel

Erneuerbare Energien und Atomkraft vertragen sich nicht. Ein Energiesystem, das auf erneuerbaren Energien fußt, braucht hochflexible Kraftwerke, die kurzfristig und kurzzeitig einspringen können, wenn der Strombedarf einmal nicht vollständig durch Sonne, Wind, Wasserkraft, Biogas, Geothermie und Speicher gedeckt werden kann. Atomkraftwerke können diese Aufgabe schon aus physikalischen Gründen nicht erfüllen. Sie sind nicht nur die teuersten und gefährlichsten, sondern auch die unflexibelsten aller Kraftwerke und weder für schnelles Hoch- und Runterregeln noch für ein kurzfristiges Anfahren oder einen Stop-and-go-Betrieb geeignet. All dies macht sie nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich zum Hindernis für die Energiewende. Wie sehr ein Festhalten an Atomkraft den Erneuerbaren ökonomisch schaden würde, hat der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) unlängst noch einmal ausführlich vorgerechnet. Und selbst das atomfreundliche IFO-Institut kam vergangenes Jahr in einer Studie zum Schluss, dass der Weiterbetrieb der AKWs den Ausbau der erneuerbaren Energien „behindern“ würde. Damit aber würde unterm Strich auch der Ausstieg aus der fossilen Stromerzeugung verzögert.

Politisch wird es ebenfalls von Vorteil sein, wenn die AKWs endlich abgeschaltet sind. Niemand muss dann mehr Abwehrkämpfe gegen AKW-Laufzeitverlängerungen führen. Alle können ihre Kräfte auf einen zügigen Kohleausstieg konzentrieren. Die Anti-Atom-Bewegten werden da ganz sicher mit dabei sein.

Zum historischen Verdienst der Anti-Atom-Bewegung gehört nicht nur der Atomausstieg, sondern auch, den weltweiten Siegeszug der erneuerbaren Energien mit losgetreten zu haben. Nicht von ungefähr fand die erste Solarenergie-Ausstellung in Deutschland in einem Winzerdorf am Kaiserstuhl statt, wo zu der Zeit die Auseinandersetzung um den Bau des AKW Wyhl tobte. Der politische Druck der Anti-Atom-Bewegung hat die Energiewende erst möglich gemacht. Der Atomausstieg ist der Erfolg des Engagements von Hunderttausenden. Dass sie gemeinsam gewonnen haben, macht Mut auch für die noch kommenden Auseinandersetzungen um die Energiewende. Der 15. April ist deshalb in vielerlei Hinsicht ein Tag zum Feiern.

Der Autor

Armin Simon ist Redakteur und Campaigner bei der bundesweiten Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt und saß seit „x-tausendmal quer“ etliche Male gegen Atomkraft auf der Straße.

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