Nachhaltig wirtschaften für unsere gemeinsame Zukunft

Eine Wirtschaftsweise, die auch in der kommenden Zeit taugt, muss erneuerbar, zirkulär und überall anwendbar sein. Um sie zu etablieren, braucht es vor allem Bildung. Das Wissen über unternehmerische Transformation in Öffentlichkeit und Politik zu tragen, ist erklärtes Ziel des Netzwerks für nachhaltiges Wirtschaften, B.A.U.M.
„Our Common Future“ war der Titel des Abschlussberichts der Brundlandt-Kommission, die 1987 das Zielbild von Freiheit in ökologischer und sozialer Verantwortung formulierte. Diese Vision ist aktuell wie eh und je. Sie braucht unser aller Engagement. Wer sich engagiert, stellt sich mitten hinein in den Veränderungsprozess. Engagement erwächst aus unterschiedlichen Motiven: sei es aus Furcht vor existenziell bedrohlichen ökologischen Veränderungen, sei es wegen zunehmender Regulierung von Sorgfaltspflichten und Offenlegungsverordnungen oder, was weit kraftvoller ist, aus Mut, Gestaltungswillen und Bereitschaft zur Kooperation.
Die großen Herausforderungen wird niemand allein bewältigen können. Dieses Wissen liegt tief in kooperativen Systemen selbst. Jede Organisation, jedes Unternehmen ist produktiver, wenn die Bereitschaft zum Zusammenarbeiten gegeben ist, jede und jeder einbringt, was er und sie am besten kann, Kompetenzen gebündelt und für das übergeordnete Gute eingesetzt werden. Dieses übergeordnete Gute ist bezogen auf nachhaltiges Wirtschaften, eine Wirtschaftsweise zu etablieren, die an jeden Ort der Welt in jede Zukunft übertragbar ist. Es ist in sich regenerativ in jeder Hinsicht: bezogen auf die Nutzung von natürlichen Ressourcen (am besten zirkulär, nie mehr nutzend, als nachwachsen kann), finanzielles Kapital und menschliche Kapazitäten. Was Letztere angeht, nutzen wir das Potenzial noch viel zu wenig. Die erneuerbare Ressource schlechthin ist Bildung, Intelligenz und Kreativität. Wir wissen alles, was für nachhaltiges Wirtschaften an Wissen erforderlich ist. Wissenschaftsbasierte Zielstellungen für unternehmerische Transformationspläne sind allerdings noch Mangelware. Im Diskurs um nachhaltiges Wirtschaften ist immer noch Aufklärungsarbeit zu leisten.

An dieser Stelle hat uns die EU-Richtlinie zur Berichterstattung über unternehmerische Nachhaltigkeit (Corporate Sustainability Reporting Directive) eher zurückgeworfen. Mit der komplexen, stufenweisen Einführung geht die Aufmerksamkeit von Multiplikatoren und Unternehmen wieder weg von dem, was eigentlich erforderlich ist: die Managementansätze, Prozesse und Systeme aufzubauen, die auf allen Stufen unternehmerischer Wertschöpfung spürbar werden. Das ist das eigentliche Ziel des Feuerwerks an Regulierung: Umwelt schonen und schützen, den wettbewerbsfähigsten, inklusivsten Wirtschaftsraum der Welt auf Basis europäischer Werte schaffen, der als erstes klimaneutral wirtschaftet und zirkuläre Wirtschaftsweisen etabliert hat. Im Stile der Agenda 2030 heißt das: mit, in und durch Europa, mit, in und durch „Made in Germany“. Dabei ist „Leave no one behind“, niemanden zurückzulassen, das zentrale transformative Versprechen der Agenda 2030. Der Kontext ist der Schlüssel für das adäquate Verständnis, was an den Orten wesentlicher Wertschöpfung die konkreten Herausforderungen sind, auf die eine Antwort gefunden werden muss.
Utopie mit Unterbau und viel Potenzial
Um den Blick dafür zu schärfen unterstützen wir als B.A.U.M. zum Beispiel den Food Security Standard der Welthungerhilfe, der Unternehmen die Risiken und Chancen aufzeigt, wenn sie Geschäftspartnerschaften in Ländern mit hohem Hunger- und Armutsrisiko aufbauen. Wir verstehen die Agenda 2030 im Lichte von „Unsere gemeinsame Zukunft“ als Sozialutopie mit konkretem politischen Unterbau. Er drückt sich in High Level Political-Foren auf Ebene der Vereinten Nationen aus und in der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie. Die Halbzeitbilanz der Agenda 2030 fällt dabei gemischt aus: Der Grad der Zielerreichung ist in Teilen enttäuschend. Möglicherweise liegt das daran, dass die Politik noch viel zu wenig die konstruktive Partnerschaft der Wirtschaft einfordert und die Nachhaltigkeitsagenda noch zu wenig handlungsleitend in Industrie- und Finanzpolitik wirkt. Stattdessen lud Bundesjustizminister Marco Buschmann im Spätsommer die großen Wirtschaftsverbände ein, Vorschläge zu unterbreiten, welche Gesetze in einem Bürokratieabbaukatalog aufgenommen werden sollten. Das erwartbare Ergebnis: Die Ausweitung von Offenlegungspflichten wird torpediert. Ein klügerer Ansatz wäre, mit Künstlicher Intelligenz (KI) die Berichte vieler Beratungsgremien der Bundesregierung der letzten zwanzig Jahre auszuwerten, wie eine kohärente Nachhaltigkeitspolitik aussehen würde. Dazu gehören die Berichte des Rates für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland, des Bundesrechnungshofes und der Peer Reviews der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie.
Wirtschaft ist Motor der Transformation
Was nachhaltige Entwicklung hemmt, sind widersprüchliche Regulierungen, die zukunftstaugliche Innovationen behindern, und ein veraltetes Verständnis wirtschaftlicher Stabilität. Sie braucht im Lichte der ökologischen Krisen, in der wir sechs von neun Kipppunkten überschritten haben, dringend ein Update. Auch Lobbying für „business as usual“ ist ein Hemmschuh. Jede Organisation sollte erforschen, ob sie geeignet ist, konstruktive Kraft für nachhaltige Entwicklung zu sein oder ob sie durch das bewusste oder unbewusste Ausblenden existenzieller Risiken nicht vielmehr die Geschäftsgrundlagen der eigenen Mitglieder gefährdet.
B.A.U.M. und andere transformative Wirtschaftsverbände sind in diesem Diskurs unabhängige Überzeugungstäter. Wir verstehen uns als Change Agents und unser Engagement stammt zu 100 Prozent aus einer Quelle: der intrinsischen Überzeugung, dass nachhaltiges Wirtschaften nicht nur notwendig, sondern auch betriebswirtschaftlich überzeugend, in mehrerlei Hinsicht gewinnbringend möglich ist. Wir sind Informationstreiber und tragen unsere Expertise um still performatives und wirksames Nachhaltigkeitsmanagement aktiv in unser Netzwerk, in die Öffentlichkeit und Politik. Unser Ziel ist, Diskursräume zu eröffnen und offenzuhalten für konstruktive Lösungen, mit denen unsere 800 Mitglieder arbeiten und die dazu geeignet sind, Nachhaltigkeitspraxis auf ein höheres Niveau zu heben – auf eines, das positive Wertschöpfung bedeutet für uns, unseren Planeten und unsere gemeinsame Zukunft.
Die Autorin
Yvonne Zwick ist Vorsitzende des geschäftsführenden Vorstands von B.A.U.M. e.V. – Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften. Zuvor arbeitete die studierte Theologin mehrere Jahre beim Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE). Ihr Schwerpunkt: Unternehmen bei der Frage beraten, wie diese klimafreundlicher werden können.
Weitere Informationen
B.A.U.M.-Positionen für eine zukunftsfähige, sozial-ökologische Marktwirtschaft